Leseproben

Percival von Thalburg

Es ist wieder Zeit für eine weitere Leseprobe. Wie ich es versprochen habe, stelle ich euch die dritte Hauptfigur aus meinem Roman „Die Krone von Atlantis“ vor.

Dieses Mal geht es um Percy. Er heißt mit vollem Namen Percival Arthur von Thalburg, ist 19 Jahre alt und begleitet die Gräfin, die ihr bereits im Prolog kennen lernen durftet. Welche Beziehung er zu Gräfin Eleana hat und was die beiden eigentlich in Hamburg treiben, erfahrt ihr auf den kommenden Seiten. Wer es danach nicht abwarten kann, zu erfahren, wie es weiter geht, kann das Buch gerne bestellen. Viel Spaß!

Auszug aus dem 2. Kapitel, Seiten 27 – 31:

„Abgewiesen von Zeus stürzte Poseidon vom Himmel ins Meer. Er schwang sich zum Herrscher über Wellen und Ozean auf und regierte die Meere mit gerechter, aber harter Hand. Nach Jahren der Einsamkeit fasste er den Entschluss, jedes Eiland in seinem Reich zu besuchen. Doch wo er auch hinkam, scheuten die Menschen seinen Anblick und verließen aus Furcht vor dem Göttlichen ihre Häuser. So geschah es auch auf einem verlassenen Inselreich vor den Säulen des Herakles. Die Hirten und Bauern, die dort lebten, flüchteten voller Angst, als er sich ihnen näherte. Allein ein schönes Mädchen trat dem göttlichen Licht freundlich entgegen. Sie fürchtete sich nicht. Da nahm Poseidon das Mädchen zur Braut und alle, die von ihrem Blut waren, waren ihnen in Unendlichkeit verbunden.“

Percival von Thalburg las den deutschen Text ohne jeden Akzent vor. Nachdem er geendet hatte, sah er die Frau am anderen Ende des Tisches aus dem Augenwinkel an. Er schnalzte mit der Zunge.

„Wirklich, Eleana?“, fragte er mürrisch.

Gräfin Eleana setzte mit einer eleganten Bewegung ihre Kaffeetasse auf den Unterteller zurück und erwiderte Percys Blick. Anstatt zu antworten, hob sie die Augenbrauen.

„Du glaubst wirklich, dass die Aufzeichnungen dieses alten Kauzes den richtigen Mythos beschreiben? Wenn du mich fragst, hat der einfach nur eine griechische Sage abgeschrieben und seinen eigenen Senf hinzugegeben.“

Eleana schüttelte augenrollend den Kopf, stand auf und ging um den langen Esstisch herum. Sie stellte sich hinter Percy und warf über seine Schulter hinweg einen Blick in das vergilbte Notizbuch, das er vor sich aufgeschlagen hatte.

„Siegmund Wiedeking war nicht nur ein alter Kauz“, sagte sie belehrend. „Er war einer der meist gereisten Menschen im frühen neunzehnten Jahrhundert. Er gilt als einer der ersten Archäologen und war ein wahrhafter Entdecker. Nachdem er sein Geld mit der Handelsschifffahrt gemacht hatte, hat er sich später fast ausschließlich der Forschung gewidmet. Seine Expeditionen waren so weitläufig, dass sie fast das ganze Familienvermögen aufgebraucht haben. Er hat praktisch die ganze Welt gesehen. Und doch hat es ihn immer wieder in die Mittelmeerregion verschlagen. Jede zweite seiner Expeditionen führte dorthin.“

Percy seufzte. „Und die Lehrstunde beginnt“, neckte er.

Eleana knuffte ihren jungen Schützling in die Seite, der sich daraufhin ein Lächeln abringen konnte. „Das Notizbuch, das du in deinen Händen hältst, ist kurz vor seinem Tod entstanden. Auf seinen letzten Reisen ist er nur noch in die Ägäis und in das östliche Mittelmeer gefahren. Er glaubte, der größten Entdeckung der Menschheit auf der Spur zu sein.“

Percy drehte den Kopf, um Eleana ansehen zu können.

„Und was hat das mit dieser Sage zu tun?“

„Lies’ sie dir einmal genau durch. Fällt dir nichts auf?“

Percy ließ seine Augen nochmals über den kurzen Text in der geschwungenen Handschrift wandern. Ihm fuhr ein Schauer über den Rücken, als er verstand, worauf Eleana hinauswollte.

„Sie trat dem göttlichen Licht entgegen? Wieso schreibt er nicht einfach dem Gott?“

Eleana klopfte Percy zufrieden auf die Schulter und lächelte, als sie zu ihrem Platz am Frühstückstisch zurückging.

„Genau das habe ich mich auch gefragt. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wenn Wiedeking nur die Geschichte von Poseidon und Kleito niederschreibt. Aus den Notizen geht aber hervor, dass ihm die Geschichte auf Santorin von mehreren Bewohnern übereinstimmend so erzählt worden ist.“

„Auf Santorin haben damals Menschen gelebt?“

„Nur ein paar Bauern. Sie erzählten sich diese Geschichte immer und immer wieder. Sie sprachen jedoch nicht von einer Sage. Sie haben wirklich geglaubt, dass es sich bei dieser Legende um eine wahre Geschichte handelt. Und sie berichteten einstimmig, wie eine junge Frau sich ohne Furcht dem göttlichen Licht näherte. Das finde ich sehr auffällig.“

Percy konnte nicht anders, als seiner Ziehmutter zuzustimmen. Er rief sich wieder ins Gedächtnis, warum er mit ihr nach Hamburg gekommen war.

„Hat dich das darauf gebracht, hier nach dem Anhänger zu suchen?“

Eleana nickte und streckte die Hand nach dem Notizbuch aus. Sie warf Percy einen missbilligenden Blick zu, als er es einfach quer über den Tisch schleuderte.

„Percy!“, schimpfte sie, als sie das kleine Büchlein gerade noch auffing, bevor es in der Marmelade landete.

Percy setzte sein charmantestes Grinsen auf. „Ich bin keine zwölf mehr. Was du mir jetzt an Manieren nicht beigebracht hast, lerne ich nicht mehr.“

Eleana schüttelte den Kopf, öffnete das Buch und blätterte darin.

„Wiedeking hat von seiner letzten Expedition nach Santorin einige Artefakte mit sich nach Hamburg gebracht, die die Einheimischen als Heiligtümer verehrt haben. Sie haben sie in ihren Kirchen aufbewahrt, weil sie der Meinung waren, dass Gott selbst die Gegenstände auf die Erde geschickt habe.“

Percy wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und lehnte sich über den Tisch, um ebenfalls in das Buch schauen zu können.

„Meinst du, Wiedeking hat die Bauern lieb gefragt, und daraufhin haben sie ihm ihre kostbarsten Schätze einfach so gegeben?“

Eleana antwortete darauf nicht, hob aber eine einzelne Augenbraue.

„Bei den meisten Gegenständen handelte es sich um wertlosen Trödel aus der Zeit der Antike. Allerdings bei einem Gegenstand lagen die Bauern gar nicht so falsch. Guck’ dir das an.“

Eleana zeigte auf eine Seite, auf der Wiedeking verschiedene Zeichnungen gemacht hatte. Unter den Statuen, Messern und Töpfen war ein Fundstück dabei, das sich von den anderen drastisch unterschied: ein dreieckiger Anhänger, der einen tropfenförmigen Stein fasste.

„Das ist er“, entfuhr es Percy.

„Ich sagte doch, Wiedeking war mehr als ein alter Kauz. Er war im Übrigen ein Verwandter der von Thalburgs.“

Percy presste die Lippen aufeinander. Er hasste es, wenn Eleana so beiläufig das Gespräch auf seine Familie lenken wollte. Er sprach nicht über sie. Er hatte es nie getan. Heute würde er nicht damit anfangen.

„Was hat er mit dem Anhänger gemacht?“ Percy sah seine Ziehmutter erneut an.

„Wiedeking hatte natürlich keine Ahnung, was er da mitgebracht hatte. Er hat den Schmuck seiner Frau geschenkt und der Anhänger wurde in den kommenden Jahrhunderten in der Familie weitervererbt.“

„Dann haben sie ihn noch?“

Eleana schüttelte traurig den Kopf. „Nein, die Familie Wiedeking ist vor einiger Zeit ausgestorben. Der Anhänger ist im Rahmen einer Versteigerung verkauft worden.“

Percy sah seine Ziehmutter erschrocken an, doch sie hatte den Blick für einen Moment traurig in die Ferne gerichtet. „Wieder eine alte Blutlinie, die verloren ist. Es gibt Dinge, die können niemals zurückkehren“, flüsterte sie.

„Das heißt, wir haben keine Ahnung, wo er jetzt ist?“

Eleana kehrte in die Gegenwart zurück. „Das würde ich nicht sagen.“ Sie grinste. „Ich habe ermittelt, wer damals bei der Versteigerung mitgeboten hat. Und ich habe den Schmuckhändler gefunden, der den Anhänger erstanden hat: ein Mann namens Friedrich Hansen. Während du gestern Abend unterwegs warst und den Hamburger Mädchen schöne Augen gemacht hast, habe ich ihm bereits einen Besuch abgestattet. Er bringt mir den Anhänger heute Morgen in sein Geschäft.“

Percy klatschte begeistert in die Hände. „Aber das ist ja großartig. Dann haben wir bald alles, was wir brauchen.“

Vielleicht haben wir bald alles“, mäßigte Eleana ihren Schützling. Sie nahm einen letzten Schluck aus ihrer Kaffeetasse und stand auf.

„Um wie viel Uhr macht das Geschäft auf?“, fragte Percy und sah auf seine Armbanduhr.

„Um neun. Ich muss mich beeilen“, sagte Eleana und durchquerte die fürstliche Suite des hanseatischen Luxushotels an der Alster. An einem Garderobenständer griff sie nach ihrem dunkelblauen Samtumhang, den sie sich mit einem geübten Handgriff über das schlichte, dennoch elegante dunkelblaue Kleid warf. Percy fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sie es darauf anlegte, auszusehen, als käme sie aus einer anderen Zeit.

„Sehr gut. Ich komme mit“, rief er und sprang auf, um sich seine wesentlich unauffälligere blaue Jacke mit dem weißen Innenfutter anzuziehen.

Doch kaum hatte er sich seine Handschuhe übergestreift, legte Eleana ihrem Schützling eine Hand auf die Brust und stoppte ihn mitten in der Bewegung.

„Nein, ich gehe allein. Ich will den Juwelier nicht misstrauisch machen. Außerdem hast du einen Termin im Hafen. Unsere Lieferung ist da. Wir treffen uns hier wieder um vier Uhr. Verstanden?“

Percy neigte den Kopf und sah enttäuscht zur Seite.

Eleana ließ nicht locker. „Verstanden?“, hakte sie in deutlich strengerem Tonfall nach.

„Ja!“, antwortete Percy. Daraufhin nickte die Gräfin zufrieden, öffnete die Tür der Suite und trat gefolgt von ihrem Schützling auf den Flur hinaus.

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Ria

Nachdem ihr Rider – den Bösewichten in meinem Roman, kennen lernen durftet, ist es endlich an der Zeit – euch die Hauptfigur vorzustellen. Ria Thale ist meine Protagonistin. In der aktuellen Leseprobe dürft ihr nachlesen, wie ich sie in den Roman eingeführt habe. Ohne es zu wollen, ist mir mit dem ersten Satz, den sie spricht, ein kleines Kunststück gelungen. Aber dazu erzähle ich euch im Laufe der Woche mehr. Jetzt taucht erst einmal ein, in einen weiteren Auszug aus meinem Roman „Die Krone von Atlantis„:

Auszug aus dem 1. Kapitel, Seiten 15 – 17:

Dass Ria Schmuck liebte, erkannte man auf den ersten Blick. Sie schimmerte förmlich in dem fahlen Licht, das in der kleinen Lobby schien. In ihren beiden Ohren steckten jeweils vier glitzernde Ohrstecker. Außer an ihren Daumen trug sie an jedem ihrer Finger Ringe verschiedener Größe und Beschaffenheit. Ihre Arme klimperten bei jeder Bewegung, weil die zahlreichen Armreife und -bänder sich ineinander verhedderten. Um ihren Hals lagen eine Kette mit einem schlichten Herzanhänger und ein dünnes Lederband. Doch abgesehen davon und bis auf die viel zu große Brille, die auf ihrem Nasenbein hin und her rutschte, war ihre Erscheinung eher unauffällig. Sie trug einen schwarzen Pullover und dunkle Jeans, die in abgetragene Lederstiefel gestopft waren. Daher überraschte es sie auch nicht, dass die drei Männer, die jetzt die schäbige Herberge am Hamburger Hafen betraten, sie keines Blickes würdigten.

„Lass’ es uns sehen, Boss!“, rief ein drahtiger Mann mit zu hoher Stimme, als er die Tür aufstieß. Er drehte sich im Gehen um und hielt die schmale Pforte auf. Ein massiger Riese von einem Mann trat über die Schwelle. „Ja, bitte!“, stimmte dieser seinem Vorgänger zu. Ria beobachtete angewidert den Schwall Spucke, der bei diesen Worten aus dem breiten Mund des hünenhaften Mannes flog.

Der dritte Mann, der die kleine Lobby direkt hinter dem Riesen betrat, war dagegen von ganz anderer Erscheinung. Ria starrte gebannt auf die ozeanblauen Augen, deren Farbe so ausgeprägt war, dass es aussah, als leuchteten sie. Der Mann hatte schwarzes, leicht gewelltes Haar, war hochgewachsen, muskulös und sehr schlank. Er hatte ein auf unnatürliche Art und Weise zeitloses Aussehen, das es unmöglich machte, sein Alter zu schätzen. Er trug einen langen schwarzen Mantel, den er bis zum Kinn zugeknöpft hatte. In seinen Händen hielt er ein kleines Holzkästchen.

„Bitte, Boss!“, bettelte der Riese noch einmal und zeigte mit einer fast kindlichen Bewegung auf das Kästchen. Ria zuckte hinter dem Tresen der Lobby heftig zusammen, als der Mann in dem schwarzen Mantel ausholte und dem großen Kerl mit dem Handrücken eine schallende Ohrfeige versetzte. Der Riese heulte auf und taumelte rückwärts. Der Mann in Schwarz packte ihn mit unmenschlich wirkender Kraft am Kragen und zog das Gesicht des Riesen an seines heran.

„Ich sagte: Nein! Habe ich mich jetzt klar ausgedrückt?“

Der große Kerl nickte verdrossen und presste die fleischigen Lippen aufeinander. Sein Schmerz war ihm anzusehen. Der Mann in Schwarz tätschelte dem Riesen die Wange und ließ von ihm ab. Mit einer lässigen Bewegung rückte er seinen Mantel zurecht. Erst jetzt wanderten seine Augen durch den winzigen Eingangsbereich der heruntergekommenen Absteige. Rias und sein Blick kreuzten sich für die Dauer eines Herzschlags.

„Hey!“, rief eine weitere Stimme. Ria wandte sich von dem Mann ab und drehte sich erschrocken um. Hinter ihr stand der alte Herbergsvater, der aus der kleinen Stube hinter dem Tresen herausgekommen war. „Was machst du da?“ Er zeigte mit seinen tätowierten Fingerknöcheln auf sie.

Rias Blick fiel auf ihre Hände, in denen sie zwei Brieftaschen, eine Uhr und einen für sie offensichtlich zu großen Goldring hielt. Schnell sah sie wieder zu dem Wirt und begann zu grinsen. „Es ist nicht das, wonach es aussieht“, versicherte sie ihm.

Der alte Mann starrte sie für einige Sekunden verdutzt an. Das war mehr als genug Zeit für Ria. Mit einem gezielten Sprung schwang sie sich über den Tresen und rutschte auf der anderen Seite hinunter. Sie glitt durch den engen Raum an den drei Männern vorbei und stürmte zur Tür.

„Ich empfehle mich!“, rief sie den drei Männern zu und zwinkerte frech, während der Wirt vor Wut aufschrie. Ihr Arm streifte den Mann in dem schwarzen Mantel, der sich mit geöffnetem Mund nach ihr umdrehte. Doch bevor er auch nur einen Ton hervorbringen konnte, hatte Ria schon die Tür aufgerissen und rannte in die Nacht hinaus. Als sie einen kurzen Blick über die Schulter riskierte, sah sie, dass der Mann in dem schwarzen Mantel ihr mit seinen Blicken folgte.

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Christopher Rider

So, hier kommt sie, meine neuste Leseprobe aus meinem Roman „Die Krone von Atlantis.“ Wie versprochen, stelle ich euch in den nächsten drei Wochen meine drei Hauptcharaktere vor. Die kommende Woche ist Christpher Rider gewidmet. Er ist geheimnisvoll, skrupellos und hat einen Plan. Dafür braucht er die Kette, über die ihr bereits im Prolog gelesen habt. Um sie zu beschaffen, geht er über Leichen. Aber lest selbst! Und wenn ihr das ganze im Original lesen wollt, bestellt das Buch gerne hier.

Auszug aus dem 1. Kapitel, Seiten 13 bis 15:

Christopher Rider beachtete den toten Körper zu seinen Füßen gar nicht. Stattdessen starrte er angespannt auf das kleine Kärtchen in seiner Hand. Seine Augen verengten sich, als er die Handschrift entzifferte. Der Juwelier hatte den Namen falsch geschrieben. Auf der Karte stand „Gräfin Elana.“ Hinter dem Adelstitel hatte der alte Mann ein Fragezeichen vermerkt. Rider schnaubte amüsiert und warf einen zufriedenen Blick auf die Leiche von Friedrich Hansen. Dessen leblose Augen waren auf ihn gerichtet. Trotz des Fehlers im Namen bestand kein Zweifel: Sie war bei dem Juwelier gewesen. Und sie war bei dem alten Unglücksraben fündig geworden, sonst hätte sie keine Reservierung vornehmen lassen.

„Boss?“ Riders Augen wanderten zur Seite und sahen in das tumbe Gesicht eines großen, korpulenten Mannes.

„Und, Brutus?“, fragte Rider barsch.

„Der Alte hat die Wahrheit gesagt. Der Code stimmt. Wir sind drin.“

Riders linker Mundwinkel zuckte nach oben. Mit einem großen Schritt stieg er über den Toten hinweg. „Dann mal los!“ Mit diesen Worten verließ er das Arbeitszimmer der alten Hamburger Villa und trat in den Flur hinaus. Sein langer schwarzer Mantel bauschte sich hinter ihm auf, als er mit schnellen Schritten die Kellertreppe hinunterstieg. In dem feuchten und dunklen Gewölbe trat Rider durch eine schwere Metalltür, die mittlerweile offen stand, und fand sich im Inneren eines großen Tresors wieder.

„Sieht so aus, als wenn der alte Hansen seine kostbarsten Sachen ganz dicht bei sich haben wollte“, murmelte Rider und ließ seinen Blick durch den begehbaren Safe schweifen. An sämtlichen Wänden des Raumes fanden sich Regale, die bis unter die niedrige Decke reichten. Sie waren vollgestopft mit Kartons, Metallkassetten und kleinen Vitrinen, durch deren verstaubtes Glas vereinzelt Juwelen funkelten. Bilderrahmen ragten hier und da aus Kisten hervor. Das Holz eines Regals bog sich unter dem Gewicht der Teppiche, die darin gelagert waren. Hansen hatte über die Jahre seiner Tätigkeit hinweg mehr als nur alten Schmuck angehäuft. Rider vermutete, dass der Inhalt dieses Tresors allein ein Museum über die Geschichte der alten Hamburger Kaufmannsfamilien füllen konnte.

„Und? Ist es hier, Boss?“

Rider sah seinen zweiten Handlanger zu seiner Rechten an. Im Gegensatz zu Brutus war Jack, der eigentlich Hans Borchert hieß und Englisch mit schwerem Akzent sprach, ein schmächtiger, drahtiger Kerl mit ausgemergeltem Gesicht und blutunterlaufenen Augen.

„Kann ich noch nicht sagen. Verlass‘ den Raum, Jack“, sagte Rider. Er benutzte einen Tonfall, der Jack umgehend veranlasste, über die Türschwelle zu eilen. Er und Brutus standen nun beide hinter der geöffneten Tresortür und sahen gespannt auf ihren Anführer, der sich im Raum langsam um sich selbst drehte. Dabei untersuchte Rider die einzelnen Regale eines nach dem anderen. Schließlich holte er tief Luft, schloss die Augen und wurde für einen Moment vollkommen still. Schlagartig riss er die Augen auf, wirbelte herum und erreichte eines der Regale mit einem einzigen, zielgerichteten Schritt. Ohne lange zu überlegen, packte er die Kisten darin mit beiden Händen und warf sie mit Schwung zu Boden. Ein heftiges Scheppern ertönte, als Glas zerbrach. Jack und Brutus zuckten zusammen, doch Rider scherte sich nicht um die Zerstörung, die er anrichtete. Stattdessen zog er kraftvoll einen großen Bilderrahmen aus seinem Fach und ließ ihn achtlos zu Boden fallen. Das Holz zerbarst. Schließlich hielt Rider für einen Augenblick inne. Mit einem Mal streckte er beide Hände behutsam in das Regal aus. Vorsichtig zog er ein Kästchen hervor, dessen Seiten mit kunstvollen, aber völlig verstaubten Schnitzereien verziert waren. Rider zögerte einen Moment, holte tief Luft, bevor er den Deckel des Kästchens einen Spalt anhob. Er warf einen prüfenden Blick ins Innere.

„Da ist er“, flüsterte er. Seine Zähne blitzten in der Dunkelheit auf, als er triumphierend grinste. Brutus und Jack drängten sich ein Stückchen weiter in den Raum, begierig darauf herauszufinden, was sich in dem geheimnisvollen Kästchen befand. Doch Rider ließ den Deckel wieder fallen. Ein dumpfes Geräusch ertönte, als sich das Kästchen wieder schloss. Rider warf seinen beiden Handlanger einen strengen Blick zu.

„Wir sind hier fertig. Sehen wir zu, dass wir verschwinden!“

Brutus und Jack tauschten einen fragenden Blick, doch da schritt Rider schon zwischen ihnen hindurch. Geradeaus marschierte er auf die Kellertreppe zu. Sein Mantel bauschte sich wieder hinter ihm auf.

„Wird’s bald?“, herrschte Rider Jack und Brutus an, als diese sich nicht rührten. Schließlich schauten die beiden ein letztes Mal gierig auf die Juwelen und anderen Kostbarkeiten in dem Tresor. Im Anschluss folgten sie ihrem Anführer. Brutus schnaubte mürrisch. Nur Augenblicke später verschwanden die drei durch die große Eingangstür der Villa und ließen das Anwesen in der Stille der Nacht hinter sich.

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Der 1. Blick in „Die Krone von Atlantis“

Willkommen auf meinem Blog und willkommen in dem Abenteuer namens „Die Krone von Atlantis“.

Hier kommen die ersten Seiten meines neuen Romans. Worum es geht, findet ihr heraus, wenn ihr hier klickt. Ihr könnt die folgende Leseprobe auch bei epubli sehen. Wenn euch der erste Blick in den Roman gefallen hat und ihr weiterlesen möchtet, findet ihr hier alle Links zu den weiteren Leseproben. Wo ihr das Buch bestellen könnt, findet ihr hier heraus.

Stellt sicher, dass ihr mir folgt, um alle Hintergrundinfos, Updates und weiteren Veröffentlichtungen auf keinen Fall zu verpassen. Aber jetzt taucht erst einmal ein, in die erste Szene aus „Die Krone von Atlantis“…

Prolog

Als wäre sie nicht aus dieser Welt.

Friedrich Hansen schämte sich seines Gedankens, kaum dass er ihm gekommen war. Dennoch gelang es ihm nicht, die Augen von der Frau abzuwenden, die gerade sein Geschäft betreten hatte.

Hansen war ein Profi. Es war mehr als zwanzig Jahre her, dass er das Hamburger Juweliergeschäft seines Vaters übernommen hatte. Davor war er bereits als Goldschmied tätig gewesen. Er hatte Trauringe an Frischverliebte verkauft, lächerlich pompöse Halsketten für Millionärsgeliebte gereinigt und einmal sogar ein Diadem angefertigt. Seine Kunden kamen aus allen Gegenden der Welt. Er brüstete sich gern damit, schon alles gesehen zu haben. Der Anblick dieser Frau belehrte ihn eines Besseren.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Hansen geschäftsmäßig und ging langsam um seinen Verkaufstisch herum.

Als die Frau ihren Kopf hob und sich ihre Blicke trafen, hielt Hansen einen Moment inne. Unter der Kapuze des dunkelblauen Samtumhangs blitzte ein Paar Augen hervor, das von einer so intensiven ozeanblauen Farbe war, wie Hansen es noch nie gesehen hatte. Die Frau sah den Juwelier durchdringend, forschend, aber freundlich an. Auf ihren feinen Lippen war die Andeutung eines Lächelns zu sehen.

„Sind Sie der Eigentümer?“, fragte sie.

Hansens Rücken straffte sich. „So ist es.“

„Das Geschäft hat früher Ihrem Vater gehört“, sagte die Frau in einem sachlichen Tonfall.

„Woher wissen Sie das?“, fragte Hansen leise. Er wich überrascht einen Schritt zurück.

Die Frau ging auf seine Frage jedoch nicht ein. Stattdessen trat sie an eine der Vitrinen im Geschäft heran und blieb davor stehen.

Hansen schüttelte kurz den Kopf und besann sich auf seine Verkaufsroutine. „Interessieren Sie sich für ein bestimmtes Stück?“ Er stellte sich neben die Frau und sah mit ihr gemeinsam auf das einzelne Schmuckstück, das in der Vitrine lag.

Wieder ging sie auf seine Frage nicht ein. „Darf ich fragen, woher Sie ihre Stücke haben?“, fragte sie. Hansen glaubte nun den Hauch eines fremdländischen Akzents zu hören.

„Nun, teilweise führen wir natürlich Designer-Exemplare. Zum Geschäft gehört aber noch die Werkstatt. Sie finden hier handgemachte Unikate.“ Wieder straffte Hansen seinen Rücken vor Stolz.

„Und Haushaltsauflösungen?“

Hansen schob die Augenbrauen zu einem skeptischen Blick zusammen. Was ist das hier?

„Ich biete manchmal auch bei Nachlassversteigerungen mit. Teilweise finden sich dort wahre Kostbarkeiten. Ich bereite sie dann auf und biete sie hier zum Verkauf an.“

„Handelt es sich bei diesem Stück auch um eine solche Kostbarkeit?“ Endlich schob die Frau die Kapuze von ihrem Kopf. Zum Vorschein kam kräftiges kastanienbraunes Haar, das in eine kunstvolle Flechtfrisur gesteckt worden war. Hansen musste sich anstrengen, seinen Mund geschlossen zu halten. Vor ihm stand die wohl schönste Frau, die er je gesehen hatte. Sie hatte feine ebenmäßige Züge, eine hohe Stirn und große kluge Augen. Die Frau wandte sich Hansen zu, deutete aber mit ihrem Kopf in Richtung der Vitrine.

Hansen konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Sie haben ein gutes Auge, gnädige Frau.“ Die Frau lächelte bei dieser altmodischen Anrede. „In der Tat, dieses Stück habe ich vor einigen Jahren aus dem Nachlass einer sehr alten Hamburger Kaufmannsfamilie ersteigert. Es gab keine lebenden Erben. Man sagte mir damals, dass das Stück schon seit Generationen in der Familie vererbt wird.“ Mit diesen Worten griff Hansen in seine Hosentasche und zog einen kleinen Schlüsselbund hervor. „Wenn Sie mögen?“, fragte er und steckte schon den passenden Schlüssel in das Vitrinenschloss.

„Ich bitte darum“, sagte die Frau noch immer lächelnd und trat zur Seite, sodass der Juwelier die Vitrine öffnen konnte. Hansen griff hinein und zog mit seinen Händen vorsichtig die Halskette hervor, die hinter dem Glas im Licht gefunkelt hatte. An einem silbernen Reif baumelte ein einzelner dreieckiger Anhänger.

Hansen reichte den Schmuck der Frau. „Das Juwel ist ein Aquamarin einzigartiger Klarheit. Sie werden nicht einmal kleinste Einschlüsse im Stein finden. Und das Material ist hochwertiges Weißgold.“

Die Frau legte sich den glänzenden Anhänger prüfend auf die Handfläche und ließ ihn im Schein der Vitrinenlampe hin und her wiegen. Der Anhänger fasste ein tropfenförmiges Juwel, das hellblau im Licht schimmerte. Seine Fassung bestand aus einem geschwungenen Dreieck, dessen linkes unteres Ende in einer Spirale endete.

„Der Anhänger ist wunderschön. Ein phantastisches Stück“, flüsterte die Frau.

Hansen addierte den Preis für die Kette im Kopf bereits auf seinen heutigen Tagesumsatz. Das Jahr 2019 begann für ihn gut.

„Sie haben wirklich ganze Arbeit geleistet“, sagte die Frau schließlich und sah den Juwelier wieder an.

Hansen schürzte ein wenig verunsichert die Lippen. „Sie meinen mit der Aufarbeitung des Stücks. Nun ja …“

„Und jetzt würde ich ihn gern sehen“, unterbrach ihn die Frau plötzlich.

Hansen stockte. „Ich fürchte, ich verstehe nicht“, brachte er hervor.

„Ich würde gerne den echten Anhänger sehen. Das Erbstück, das Sie ersteigert haben, ist es hier?“

Hansen fuhr ein Schauer über den Rücken. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch es kamen keine Worte heraus. Stattdessen starrte er die Frau an.

„Herr Hansen, richtig?“ Hansen nickte kaum sichtbar. „Herr Hansen, ich kann ein Original von einer Nachahmung unterscheiden. Und so hervorragend diese Kopie von Ihnen auch ist, ich bin doch leider nur an dem Original interessiert.“

Hansen hatte es für einen Moment endgültig die Sprache verschlagen. Er fühlte sich ertappt und auch ein wenig gedemütigt. Niemals hatte er damit gerechnet, dass jemand den Anhänger als Kopie identifizierte. Er hatte ihn in jedem Detail nachgebildet. Doch anstatt seine Täuschung abzustreiten, entschloss er sich, in die Offensive zu gehen: „Sind Sie sicher?“ Er nahm der Frau den Anhänger aus den Händen. „Der hier verarbeitete Edelstein ist viel hochwertiger als im Original. Dieser Aquamarin ist lupenrein. Ein Juwel dieser Färbung und Größe finden Sie nur selten. Der Stein im Original ist, wie soll ich sagen, anders.“

Die Frau lachte kurz auf. „Sie sind wirklich ein Meister Ihres Faches, nicht wahr?“

Hansen spürte, dass er rot anlief. Er lächelte aber.

„Ich fürchte dennoch, dass ich darauf bestehe, das Original zu sehen.“ Nach einer kurzen Pause ergänzte sie: „Ich bin bereit, Ihnen jede Summe dafür zu zahlen, die Sie mir nennen.“

Hansen hatte Mühe, sich seine Glücksgefühle nicht anmerken zu lassen. „Sicher. Nur muss ich Ihnen dazu leider sagen, dass das Original nicht hier ist.“

Der Gesichtsausdruck der Frau änderte sich schlagartig. Sie sah auf einmal besorgt aus.

„Es ist in meinem Lager“, fügte Hansen eilig hinzu. „Die kostbarsten Stücke lagere ich in einem Safe. Ich kann den Anhänger holen. Leider werde ich ihn erst morgen hier haben.“

Der Ausdruck der Erleichterung, der sich auf dem Gesicht der Frau ausbreitete, erfüllte Hansen aus Gründen, die er nicht nachvollziehen konnte, mit Unbehagen. Sie will den Anhänger unbedingt, dachte er, während er die Kopie zurück in die Vitrine legte.

„Das ist überhaupt kein Problem. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich Sie darum bitten wollen“, sagte sie.

„Selbstverständlich.“ Hansen wandte sich beruhigt von der Frau ab und ging zu seinem Verkaufstisch zurück. Aus einem der unteren Fächer zog er ein leeres Kärtchen hervor und vermerkte mit seinem Füllfederhalter einige Notizen. „Auf welchen Namen darf ich den Anhänger reservieren?“, fragte er und hob den Kopf. Zu seinem Erstaunen hatte die Frau seinen Laden schon fast wieder verlassen. Beim Klang seiner Stimme aber drehte sie sich um.

„Eleana“, antwortete sie. Hansen hob überrascht die Augenbrauen. „Gräfin Eleana.“ Mit diesen Worten verschwand die Frau durch die Tür und ließ einen nunmehr vollkommen verblüfften Juwelier zurück.