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Die Prinzessin von Atlantis: Leseprobe

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Der Alarm war nur leise zu hören. Das Läuten der Glockentürme von Ozeana klang weit entfernt. Rias Kopf zuckte dennoch in Richtung der Stadt, die sie im fahlen Zwielicht des Morgens am Horizont kaum ausmachen konnte. Ihr Blick wanderte über die Wellen bis zu den Häuserfassaden und erkannte, dass nach und nach Lichter in der Stadt entzündet wurden. Eine Windböe fuhr ihr durch das Gesicht und rauschte ihr kurzzeitig in den Ohren.

„Ich habe dich was gefragt!“

Der Klang einer sehr rauen Stimme ließ sie sich abwenden.

„Wie bitte?“, erwiderte sie, weil sie die Frage nicht verstanden hatte.

Der untersetzte Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und schütteren Haar grinste sie überheblich an.

„Meinst du, dass sie den Alarm deinetwegen losgetreten haben, oder wie?“

Ria neigte gelassen den Kopf zur Seite und musterte ihr Gegenüber. Sie schnaubte. „Wohl kaum“, antwortete sie kühl.

„Ihr reichen Gören aus dem Inneren Ring seid doch alle gleich. Glaubt wohl, dass sich die Welt nur um euch dreht, was?“ Das Englisch des Mannes hatte einen starken australischen Akzent.

„Das ist kein normaler Polizeialarm“, sagte Ria, ohne sich auf die Provokation des Mannes einzulassen. „Das klingt eher, als würden sie die ganze Stadt gleich evakuieren wollen.“

„Von wegen, Liebes.“

Ria sah ihn verständnislos an. Der Mann fing wieder an zu grinsen. Ria stellte fest, dass seine Zähne teilweise faul waren. Er erinnerte sie entfernt an Brutus – den Kerl, der sie vor zwei Jahren fast getötet hätte. Percy hatte Schlimmeres verhindert, doch es hatte den tumben Riesen das Leben gekostet. Die Erinnerung an seine leblosen Augen ließ Ria erschaudern.

„Du bist wohl noch nicht lange hier.“

„Kann schon sein“, erwiderte Ria und sah jetzt unsicher zurück zur Lagunenstadt. Der Mann stellte sich neben sie und glotzte in dieselbe Richtung.

„Dieser Alarm, Liebes, ist nicht dafür, dass die Leute ihre Häuser verlassen. Er sagt, sie sollen drinnen bleiben.“

„Warum?“, fragte Ria und brachte mit einem kurzen Schritt wieder mehr Abstand zwischen sich und ihren Gesprächspartner.

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Ordensangelegenheit. Kommt ab und an mal vor. Wenn die Glocken so läuten, dann hat unser normales ozeanisches eins sich zu verpieseln, damit die wirklich wichtigen Leute sich um alles kümmern können. Die kommen dann auf ihren silbernen Rössern angeritten und wehe du stehst ihnen im Weg.“

„Aha.“ Eine bessere Antwort fiel Ria nicht ein. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Es irritierte sie, dass es ein Signal in Ozeana gab, das die Leute in ihre Häuser zwang. Und die Leute machen das auch noch mit.

„Also was ist jetzt?“, blaffte der Mann sie an.

Ria wandte sich ihm wieder zu.

Der ruppige Kerl stand vor seiner Gondel, die sicherlich schon bessere Zeiten gesehen hatte, und deutete auf den Steg, auf dem sie standen. „Soll ich jetzt wieder abfahren, oder was?“

Ria rollte die Augen. „Nein!“, seufzte sie. „Ich brauche noch die Überfahrt zurück.“

Der Gondoliere schob sich eine Zigarette in den Mund, zündete sie allerdings noch nicht an.

„Wenn ich hier warten soll, wird das aber teuer.“ Seine Augenlider zogen sich zu Schlitzen zusammen. Sein Gesichtsausdruck bekam etwas Gieriges.

Ria verschränkte unbeeindruckt die Arme vor der Brust. „Wie viel für eine Stunde? Mehr brauche ich nicht.“

„Eine Stunde?“, gab der Mann lachend zurück. „Kein Mensch braucht nur eine Stunde in der Zitadelle.“

„Wenn man weiß, wonach man suchen muss, schon“, sagte Ria und verlieh ihrer Stimme jetzt so viel Autorität, wie sie nur konnte. Sie ertappte sich dabei, wie sie Gräfin Eleana imitierte. Ihr gab nie jemand Widerworte – mit Ausnahme von Ria.

„Also?“, fragte sie barsch. „Wie viel?“

Der Gondoliere hob nur abermals die Schultern und nannte Ria seinen Preis, von dem sie sicher war, dass er viel zu hoch lag. Er ließ sich von ihr das Geld aushändigen, das Ria ihm ohne mit der Wimper zu zucken reichte.

„Ich hab‘ doch gesagt, du bist ne reiche Göre.“

Ria unterdrückte den Kommentar auf ihrer Zunge, dass sie noch nie in ihrem Leben so viel Geld besessen hatte wie heute. Sie sparte sich aber die Mühe. Ihr blieb keine Zeit für solchen Unsinn. Stattdessen zog sie sich die Kapuze ihres Mantels tief ins Gesicht.

„Ist natürlich interessant, dass ein verwöhntes Ding wie du in den Morgenstunden zur Zitadelle will, gerade wenn in der Stadt der Alarm losgeht. Ich frage mich, wen das so interessieren könnte.“

Ria schob verärgert den Unterkiefer vor. Ungeduld und Wut begannen in ihr zu brodeln. „Zähl‘ nach!“, befahl sie. „Das ist genug für meine Rückfahrt und dein Schweigen.“

Sie wartete nicht ab, bis der Gondoliere ihrer Aufforderung nachgekommen war, sondern drehte sich bereits um. In ihrem Rücken hörte sie aber den anerkennenden Pfiff, den der Mann ausstieß. Sie hoffte inständig, dass sie richtig lag, was den Preis anging.

Als sie den breiten Kiesweg den Hügel hinaufstieg, vertrieb sie jedoch alle Gedanken an ihre Rückfahrt. Stattdessen hob sie den Kopf und sah auf. Ihr Magen zog sich zusammen. Ria stand vor dem höchsten und prächtigsten Bauwerk außerhalb von Ozeanas Hauptinsel. Vor ihr in die Höhe ragte dunkel die Zitadelle: das geheime Archiv des ozeanisch-königlichen Ordens.

Der Alarm war nur leise zu hören. Das Läuten der Glockentürme von Ozeana klang weit entfernt. Rias Kopf zuckte dennoch in Richtung der Stadt, die sie im fahlen Zwielicht des Morgens am Horizont kaum ausmachen konnte. Ihr Blick wanderte über die Wellen bis zu den Häuserfassaden und erkannte, dass nach und nach Lichter in der Stadt entzündet wurden. Eine Windböe fuhr ihr durch das Gesicht und rauschte ihr kurzzeitig in den Ohren.

„Ich habe dich was gefragt!“

Der Klang einer sehr rauen Stimme ließ sie sich abwenden.

„Wie bitte?“, erwiderte sie, weil sie die Frage nicht verstanden hatte.

Der untersetzte Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und schütteren Haar grinste sie überheblich an.

„Meinst du, dass sie den Alarm deinetwegen losgetreten haben, oder wie?“

Ria neigte gelassen den Kopf zur Seite und musterte ihr Gegenüber. Sie schnaubte. „Wohl kaum“, antwortete sie kühl.

„Ihr reichen Gören aus dem Inneren Ring seid doch alle gleich. Glaubt wohl, dass sich die Welt nur um euch dreht, was?“ Das Englisch des Mannes hatte einen starken australischen Akzent.

„Das ist kein normaler Polizeialarm“, sagte Ria, ohne sich auf die Provokation des Mannes einzulassen. „Das klingt eher, als würden sie die ganze Stadt gleich evakuieren wollen.“

„Von wegen, Liebes.“

Ria sah ihn verständnislos an. Der Mann fing wieder an zu grinsen. Ria stellte fest, dass seine Zähne teilweise faul waren. Er erinnerte sie entfernt an Brutus – den Kerl, der sie vor zwei Jahren fast getötet hätte. Percy hatte Schlimmeres verhindert, doch es hatte den tumben Riesen das Leben gekostet. Die Erinnerung an seine leblosen Augen ließ Ria erschaudern.

„Du bist wohl noch nicht lange hier.“

„Kann schon sein“, erwiderte Ria und sah jetzt unsicher zurück zur Lagunenstadt. Der Mann stellte sich neben sie und glotzte in dieselbe Richtung.

„Dieser Alarm, Liebes, ist nicht dafür, dass die Leute ihre Häuser verlassen. Er sagt, sie sollen drinnen bleiben.“

„Warum?“, fragte Ria und brachte mit einem kurzen Schritt wieder mehr Abstand zwischen sich und ihren Gesprächspartner.

Der Mann zuckte mit den Schultern. „Ordensangelegenheit. Kommt ab und an mal vor. Wenn die Glocken so läuten, dann hat unser normales ozeanisches eins sich zu verpieseln, damit die wirklich wichtigen Leute sich um alles kümmern können. Die kommen dann auf ihren silbernen Rössern angeritten und wehe du stehst ihnen im Weg.“

„Aha.“ Eine bessere Antwort fiel Ria nicht ein. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Es irritierte sie, dass es ein Signal in Ozeana gab, das die Leute in ihre Häuser zwang. Und die Leute machen das auch noch mit.

„Also was ist jetzt?“, blaffte der Mann sie an.

Ria wandte sich ihm wieder zu.

Der ruppige Kerl stand vor seiner Gondel, die sicherlich schon bessere Zeiten gesehen hatte, und deutete auf den Steg, auf dem sie standen. „Soll ich jetzt wieder abfahren, oder was?“

Ria rollte die Augen. „Nein!“, seufzte sie. „Ich brauche noch die Überfahrt zurück.“

Der Gondoliere schob sich eine Zigarette in den Mund, zündete sie allerdings noch nicht an.

„Wenn ich hier warten soll, wird das aber teuer.“ Seine Augenlider zogen sich zu Schlitzen zusammen. Sein Gesichtsausdruck bekam etwas Gieriges.

Ria verschränkte unbeeindruckt die Arme vor der Brust. „Wie viel für eine Stunde? Mehr brauche ich nicht.“

„Eine Stunde?“, gab der Mann lachend zurück. „Kein Mensch braucht nur eine Stunde in der Zitadelle.“

„Wenn man weiß, wonach man suchen muss, schon“, sagte Ria und verlieh ihrer Stimme jetzt so viel Autorität, wie sie nur konnte. Sie ertappte sich dabei, wie sie Gräfin Eleana imitierte. Ihr gab nie jemand Widerworte – mit Ausnahme von Ria.

„Also?“, fragte sie barsch. „Wie viel?“

Der Gondoliere hob nur abermals die Schultern und nannte Ria seinen Preis, von dem sie sicher war, dass er viel zu hoch lag. Er ließ sich von ihr das Geld aushändigen, das Ria ihm ohne mit der Wimper zu zucken reichte.

„Ich hab‘ doch gesagt, du bist ne reiche Göre.“

Ria unterdrückte den Kommentar auf ihrer Zunge, dass sie noch nie in ihrem Leben so viel Geld besessen hatte wie heute. Sie sparte sich aber die Mühe. Ihr blieb keine Zeit für solchen Unsinn. Stattdessen zog sie sich die Kapuze ihres Mantels tief ins Gesicht.

„Ist natürlich interessant, dass ein verwöhntes Ding wie du in den Morgenstunden zur Zitadelle will, gerade wenn in der Stadt der Alarm losgeht. Ich frage mich, wen das so interessieren könnte.“

Ria schob verärgert den Unterkiefer vor. Ungeduld und Wut begannen in ihr zu brodeln. „Zähl‘ nach!“, befahl sie. „Das ist genug für meine Rückfahrt und dein Schweigen.“

Sie wartete nicht ab, bis der Gondoliere ihrer Aufforderung nachgekommen war, sondern drehte sich bereits um. In ihrem Rücken hörte sie aber den anerkennenden Pfiff, den der Mann ausstieß. Sie hoffte inständig, dass sie richtig lag, was den Preis anging.

Als sie den breiten Kiesweg den Hügel hinaufstieg, vertrieb sie jedoch alle Gedanken an ihre Rückfahrt. Stattdessen hob sie den Kopf und sah auf. Ihr Magen zog sich zusammen. Ria stand vor dem höchsten und prächtigsten Bauwerk außerhalb von Ozeanas Hauptinsel. Vor ihr in die Höhe ragte dunkel die Zitadelle: das geheime Archiv des ozeanisch-königlichen Ordens.