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Die Krone von Atlantis: Leseprobe

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Ohne lange zu überlegen, huschte sie über den Flur, ging durch die geöffnete Tür und betrat einen dunklen Raum. Sie schloss die Tür hinter sich und sah sich um. Sie war in einem Schlafzimmer gelandet. Die kleine Kammer, durch deren Fenster schwaches Laternenlicht von der Straße aus fiel, erinnerte jedoch eher an ein Büro. Staubige Bücherregale waren vor langer Zeit an den Wänden angebracht worden. Vor dem Fenster stand ein alter Holzschreibtisch, auf dem sich ein Chaos aus Papier und Stiften ausbreitete.

Ria nahm den unordentlichen Haufen unter die Lupe. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Züge. „Bingo!“, flüsterte sie und ging langsam auf den Schreibtisch zu.

Inmitten des Durcheinanders lag das, was sie hierher geführt hatte. Das geheimnisvolle Holzkästchen, das der Mann in Schwarz vorhin in die Absteige getragen hatte, lag im Lichtschein und schien auf sie gewartet zu haben.

Ria schlich um den Tisch herum, bis sie genau vor dem Kästchen stand. Bedächtig legte sie ihre Hände auf das dunkle Holz und zeichnete mit den Fingerspitzen die kunstvollen Schnitzereien auf dem Deckel nach. Die Struktur fühlte sich angenehm an. Ria stutzte. Gerade eben noch hatte sie kaum etwas mit ihren erfrorenen Fingern fühlen können. Jetzt waren ihre Hände angenehm warm. Überhaupt schien von dem Kästchen eine wohltuende Strahlung auszugehen. Ria spürte die Hitze nicht nur in ihren Händen. Ihre ganze Haut begann leicht zu kribbeln. Auch in ihrem Magen breitete sich ein Gefühl freudiger Erregung aus.

Ria schüttelte irritiert den Kopf und rief sich zur Ordnung. Sie war offensichtlich müder, als sie sich hatte eingestehen wollen. Das war kein Wunder. Sie hatte die Nacht in der Kälte verbracht und höchstens kurz gedöst. Sie konzentrierte sich und hob den Deckel des Kästchens an.

Der Anblick im Inneren ließ ihr Herz schneller schlagen. Das Gefühl in ihrer Körpermitte wurde noch stärker und das Kribbeln auf ihrer Haut steigerte sich so sehr, dass sie Mühe hatte, ruhig stehen zu bleiben.

In dem Kästchen lag das wohl schönste Schmuckstück, das Ria jemals gesehen hatte. Der Kettenanhänger aus einem silbern schimmernden Metall hatte ungefähr die Größe ihres Daumennagels. Das Dreieck und die Spirale fassten einen tropfenförmigen Edelstein, der von einer einzigartigen ozeanblauen Farbe war. Er sah aus, als leuchte er in der Dunkelheit. Dabei war das Juwel nicht klar. In seinem Kern schien sich etwas zu regen. Als Ria versuchte, in dem schwachen Licht des Zimmers in das Herz des Steins hineinzuschauen, blickte sie in unendliche Tiefe.

Sie wusste nicht mehr, wie lange sie dagestanden und den Stein bewundert hatte. Als sie sich endlich von seinem Anblick lösen konnte, war ihr, als sei sie aus einem Traum erwacht – einem schönen Traum. Sie fühlte sich plötzlich nicht mehr kalt, müde oder erschöpft. Ihr ging es gut.

Ria schüttelte nochmals den Kopf. Kurzerhand packte sie den Anhänger und legte sich die Kette um den Hals. Sie schloss das Kästchen wieder, schob es sorgfältig zurück auf seinen Platz und huschte zur Tür.